Marliese37

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Jeden Tag eine gute Tat! Marliese Echner-Klingmann
Vor kurzem habe ich eine Fahrt ins Nachbardorf unternommen. Fünf Kilometer gen Westen bin ich gefahren. Dort versuchen sage und schreibe drei Discounter ihr Zeugs an die Frau zu bringen.
Auch mich zieht es immer wieder dorthin.
Man hegt deshalb schon seit längerem den Verdacht, dass ich kaufsüchtig sei.
„Kaufsüchtig“ – das ist ein großes Wort und eigentlich eine Krankheit, die in der Psychiatrie behandelt werden sollte.
Und da muss ich energisch widersprechen!
Kaufsüchtig bin ich nicht!
Diese Krankheit habe ich nicht!
Nein, ich doch nicht!
Ich habe mir zwar im Laufe meines Erwachsenenlebens einige seltsame Krankheiten eingehandelt, aber die Kaufsucht ist nicht darunter.
Das muss ich ja selbst am besten wissen.
Eine Kaufsucht kann sich bei mir nicht breit machen, schon alleine deshalb nicht, weil mir ständig das zum Ausleben jener Sucht notwendige Kleingeld fehlt. Das Großgeld sowieso!
Was wollte ich eigentlich erzählen?
Jetzt ist es mir total entfallen.
Ach ja, da ist es wieder. Ins Nachbardorf bin ich gefahren zum Einkaufen.
Nachdem ich das Auto geparkt hatte, schritt ich um die Ecke zu den dort in Ketten gelegten Einkaufwagen.
Und da bin ich an ihr vorübergegangen. Sie stand vor den angeketteten Einkaufswagen und schaute sich suchend um, als ob sie auf jemanden warten würde.
Sie hat auch auf jemand gewartet, nämlich auf mich. Eine Andere wäre ihr auch genehm gewesen, aber ich war die Erste, die ihr über den Weg lief, und bei der sie sich traute.
„Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich ein Stück in Richtung Eschelbronn mitzunehmen?“ meinte sie kleinlaut, fast unterwürfig.
Sie könne ganz mit mir nach Eschelbronn fahren, das sei mein Weg, weil ich dort zu Hause wäre, meinte ich auf ihre Frage. Allerdings müsse ich erst noch etwas einkaufen.
„Ach, das macht nichts!“ war ihre Antwort.
Ich befriedigte also meine „Kaufsucht“ und hatte, als ich meine Geschäfte erledigt hatte, die Frau, ich werde sie in Zukunft „Berta“ nennen, schon total vergessen.
Während ich nach einem starken Mann Ausschau hielt, der mir den schweren Artikel, den mir meine Kaufsucht zu kaufen gebot, in meinen Wagen laden würde, brachte sich Berta in Erinnerung.
Den starken Mann fand ich schnell, der Artikel wurde verladen. Unterdessen ließ ich Berta ins Auto steigen.
Ich bedankte mich voller Freude bei meinem Helfer, dem starken Mann, für seine Hilfe und stieg ebenfalls ein.
Und dann ging’s los.
Meine Begleiterin erzählte mir, sie habe gehofft, durch eine Freundin, die bei dem Discounter arbeiten würde, abgelaufene Lebensmittel zu erhalten. Leider seien zuvor schon andere Bedürftige hier gewesen. Nun erfreuen sich diese an den „milden Gaben“ der Freundin beim Discounter. Heute war es hier also nichts. Vielleicht würde ihr morgen das Glück hold sein. Im Geheimen wartete ich auf Bertas nächste Frage, ob es mir etwas ausmachen würde, sie morgen wieder hierher zu fahren.
Ich hatte mich jedoch getäuscht, die Frage blieb aus.
Wir fuhren kaum zwanzig Meter, als mich Berta erneut ansprach:
„Ach, würde es ihnen etwas ausmachen, da vorne bei der Bäckerei zehn Minuten zu warten. Dort arbeitet auch eine Freundin, die eventuell etwas von der abgelaufenen Ware für mich bereithält.“
Ich ließ sie aussteigen und wartete selbstverständlich auf sie.
Zehn Minuten sind ja keine Zeit. Schließlich bin ich Ruheständlerin und kann mit meiner Zeit tun und lassen, was ich will.
Außerdem war ich neugierig auf ihren nächsten Wunsch.
Ich muss gestehen, die Sache machte mir allmählich großen Spaß und weckte meine Neugier auf die kommenden Wünsche meiner Begleiterin.
Sie kam zurück. Mit leeren Händen. Sie hatte wieder nichts ergattern können.
Nachdem sie wieder eingestiegen war, fragte ich sie nach ihren persönlichen Verhältnissen aus und erfuhr, dass sie in Scheidung lebe. Ihr Mann wohne mit ihr zusammen in einer Wohnung, allerdings in einem Extra Zimmer wegen des Trennungsjahres.
Er bekomme dreihundert Euro monatlich, sei jedoch nicht bereit, ihr etwas von seinem Geld zu überlassen.
Nach einigen Schweigeminuten meinte sie, die Zahlung vom Amt ließe dieses Mal sehr lange auf sich warten. Wieder schwieg sie ein paar Sekunden, um dann die obligatorische Frage: „Würde es ihnen etwas ausmachen?“ zu starten und mich zu bitten, ihr doch mit fünf Euro auszuhelfen bis die „Stütze“ überwiesen worden sei.
Diese Bitte habe ich abschlägig beschieden. Die erbetenen fünf Euronen würde ich mit Sicherheit nicht wieder sehen. So üppig sind bei mir die Euronen auch nicht gesät, dass ich selbstlos auf fünf Euro verzichten kann.
Sie gab sich mit meinem „Nein“ sehr schnell zufrieden, ohne zu murren.
Wir setzten unsere Fahrt fort.
Kurz vor der Einfahrt in unser Dorf hatte Berta noch eine Bitte: Ob es mir etwas ausmachen würde sei, mit ihr einen Umweg über das einige Kilometer entfernte Nachbardorf zu fahren. Dort würde ihre Tochter wohnen. Sie, die Mutter, wolle nur schauen, ob die Tochter zu Hause sei.
Dies würde sie, die Mutter, am Auto der Tochter, das dann vor der Türe stünde, erkennen. Die Tochter liege mit dem Vater, - dem dreihundert Euro-Besitzer und Mitbewohner der Wohnung, - im Clinch. Deshalb habe sie, die Tochter, für die Mutter die Telefonnummer aufgeschrieben. Doch sie, die Mutter, habe leider den Zettel verlegt. Deshalb wolle sie schauen, ob das Auto vor der Türe steht.
Mit einem tiefen Seufzer sage ich: „Jeden Tag eine gute Tat!“
Meine Mitfahrerin meinte aus vollem Herzen: „Ach, ja, Sie sind eine gute Frau!“
Ich schämte mich etwas. Zum Glück hatte sie die Ironie in dem Zitat nicht erkannt. Zumindest tat sie so.
Berta lotste mich durch das Nachbardorf und dort durch die Straße, die am Haus ihrer Tochter vorbeiführt. Das Auto stand nicht vor dem Haus, die Tochter war also noch nicht zugegen.
Wir machten uns auf den Rückweg.
Berta meinte, sie wohne in der Hochhaussiedlung im fünften Stock. Bis sie mit ihren Schmerzen die fünf Stockwerke bezwungen habe, sei sie, Berta, ganz kaputt.
Es wäre einfach furchtbar.
Das habe ich ihr sofort geglaubt, zumal ich täglich am eigenen Leib erfahren muss, wie schwer das Treppensteigen bei Schmerzen in den Gliedern fällt.
Gleichzeitig hat mir ein zynischer Teufel ins Ohr geflüstert, sie doch zu fragen, ob ich sie hoch tragen soll. Doch zum Glück hat meine mitleidige Seele den Sieg davon getragen und mich veranlasst, mir diese bösartige Frage zu verkneifen.
Berta bat mich, sie bis zur Ecke Gartenstraße-Ringstraße zu fahren. Sie müsse dann nur noch die kurze Strecke den Berg hinunter laufen.
Ihr Mann, mit dem sie in einer Wohnung auf das Ende des Trennungsjahres wartet, dürfe nicht sehen, dass sie mit dem Auto gebracht werde.
Berta watschelt die Steigung hinunter, ich schaue ihr hinterher.
Seither plagt mich die Frage, warum Bertas „Noch-Ehemann“ nicht wissen darf, dass sie mit dem Auto gebracht worden ist?
Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Marliese37: 28.07.2010 16:38.
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28.07.2010 16:37 |
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Hanka

erfahrenes Mitglied

Dabei seit: 29.01.2010
Beiträge: 37
Ich komme aus: Meclenburg-Vorpommer
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| RE: Erlebnis beim Einkaufen |
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Hallo Marliese,
Dein Erlebnis beim Einkaufr ist köstlich zu lesen.
Es ist zwar traurig, dass es Menschen gibt, die darauf angewiesen sind, abgelaufenen Lebensmittel zu kaufen, aber iin Deinem Bericht liest sich das einfach herrlich. Und - du hast wirklich eine gute Tat vollbracht. Du kannst wunderbar schreiben.
Es grüßt Dich
Hanka
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28.07.2010 23:51 |
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Monika1974

sehr aktives Mitglied
 

Dabei seit: 23.07.2007
Beiträge: 326
Ich komme aus: Hamburg Ihr System: WIN XP
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| RE: Erlebnis beim Einkaufen |
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Hallo Marliese,
ein wirklich hervorragend geschriebener Beitrag. Deine Wortwahl und die Art zu schreiben ist nicht zu toppen. Du solltest Kurzgeschichten schreiben und veröffentlichen.
Vielen Dank für den Beitrag. Ihn zu lesen macht richtig Spaß.
LG Monika
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02.08.2010 12:28 |
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Marliese37

sehr aktives Mitglied
 
Dabei seit: 25.07.2003
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Themenstarter
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| Guten Morgen, Ihr Lieben... |
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Liebe Monika, das tu ich. Meist in Mundart. Aber in Schriftdeutsch hat man mehr Möglichkeiten, Zynismus zu verpacken. In Mundart ist das dann immer so direkt.
Ich stelle mal eine kleine Reimerei aus unserer Tageszeitung von heute hier rein.
Siebenschläfer
Marliese Echner-Klingmann
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Sonnenstrahlen, warm und helle,
ein Supersommer ist zur Stelle.
Zu unserer Erleichterung
kommt er im Juni voll in Schwung,
zeigt sich von seiner besten Seite,
ja, so mag man den Sommer leiden.
An Siebenschläfer zeigt er dann,
was in ihm steckt, und was er kann.
Wir sind beruhigt und entspannt,
da uns seit alters her bekannt,
wie es der Siebenschläfer treibt,
das Wetter sieben Wochen bleibt.
Der Sommer dreht jetzt mächtig auf,
die Hitze klettert hoch hinauf.
Zwei Wochen hat er noch gedauert,
dann war der Sommer ausgepowert.
Den Regen würde man gern schassen,
auf nichts kann man sich mehr verlassen.
Herzlich
Marliese
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03.08.2010 08:55 |
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patrickU
sehr aktives Mitglied
 
Dabei seit: 12.12.2005
Beiträge: 518
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| RE: Guten Morgen, Ihr Lieben... |
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Bonjour Marl.
Das ist aber sehr sehr langweilig, keine ecken keine kanten...Nur Bla-bla...
Da oben war´s aber schon viel mit schneit behaftet.
Vielleicht lag es an Berta....
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05.08.2010 12:24 |
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chris2000

sehr aktives Mitglied
 

Dabei seit: 17.08.2003
Beiträge: 964
Ich komme aus: dem Münsterland,geb.im Rheinld. Ihr System: WIN XP
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| RE: Guten Morgen, Ihr Lieben... |
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Liebe Marliese,
mir gefällt diese Geschicht ungemein, ja, hast Du wirklich hervorragend geschrieben.
viele liebe Grüsse
Chris
__________________ Wem der grosse Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu sein....
(Schiller aus "an die Freude")
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05.08.2010 12:50 |
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Monika1974

sehr aktives Mitglied
 

Dabei seit: 23.07.2007
Beiträge: 326
Ich komme aus: Hamburg Ihr System: WIN XP
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| RE: Guten Morgen, Ihr Lieben... |
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Hallo Marliese,
den Regen brauchte die Natur zwar, aber allzuviel ist wiederum ungesund. Schade, daß der Sommer nun schon wieder fast vorbei ist. Dadurch, daß wir keinen richtigen Frühling hatten, kam er einem sowieso schon sehr kurz vor. Und nun macht er ja schon wieder eine längere Pause. Ich mag gar nicht daran denken, daß die grauen Tage wieder bald ins Haus stehen.
Lieben Gruß Monika
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15.08.2010 10:13 |
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patrickU
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Dabei seit: 12.12.2005
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Der Spiegel Artikel über Aldi, diese Woche.
Unbedingt lesen.
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04.08.2010 22:22 |
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Marliese37

sehr aktives Mitglied
 
Dabei seit: 25.07.2003
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Themenstarter
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danke für den Tipp. Ich schaue gleich auf Spiegel-online nach.
Schönen Tag und Grüße von Marliese
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05.08.2010 09:27 |
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tinah

sehr aktives Mitglied
 

Dabei seit: 15.07.2003
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Super geschrieben die Geschichte...
(und an sich müsste diese "Berta" doch auch irgendwo her Geld bekommen.... )
__________________ die Sonne scheint auch hinter Wolken
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14.08.2010 17:27 |
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